Putzen

Apr 27, 2014 | LebensRaum

Strukturelle Integration ist ein feiner Begriff für unsere Profession, aber schon vor langer Zeit habe ich erwähnt, dass wir im Prinzip ‘Hausmeister’ sind. Der Körper ist das Haus der Seele. Natürlich können wir auch das prosaische ‘Tempel der Seele’ Bild übernehmen. In dem Fall sind wir dann Tempelmeister, was statusorientierten Mitmenschen entgegenkommt. Nach meiner Lektüre der letzten Woche zieht es mich nun zur Beruf(ungs)-Bezeichnung Putzfrau/ -mann.

Bei meinem Besuch im Goetheanum hat mich erneut ein Buch angesprochen, das mir schon im letzten Herbst dort aufgefallen war: “Putzen” von Linda Thomas. In den ersten Seiten präsentiert sie viele wertvolle Konzepte, die unsere strukturelle Arbeit treffend beschreiben und zeigen, wo wir reifen können.

Die Arbeit des “Putzens” ist im Volksgebrauch ein sich wiederholendes Wegnehmen von Dreck/Chaos der Materie. Diese grundlegende Bedeutung kann zur Pflege erweitert werden – zur Raumpflege. Es wird Raum für Neues geschaffen, der physische Raum wird aufgehellt, energetisch verwandelt. Pflege ist die physische Notwendigkeit des Säuberns mit der zusätzlichen Dimension eine lebendige Ordnung zu schaffen. Der Übergang vom Wegmachen zur Pflege geschieht durch unsere Hingabe. Wie sehr können wir authentisch das lieben, was wir tun, so wie wir es tun? Die kalte Atmosphäre von Schmutz – Angst, Unsicherheit, Selbstzweifel – wird durch die Wärme von Dankbarkeit und zweckgerichteter Willenskraft ersetzt. Diese Wärme wirkt durch die Intention und Geste der Handlung in den Raum und befreit ihn.

Das physische reinigende Wasser entspricht im Geistigen der bildhaften, imaginativen Intention. Unser Gehirn ist der Putzeimer. Fülle ich ihn mit schäumender ätzender Chemie oder Zitronensäure? Oder schwinge ich gar nur den Putzlappen, ohne ihn je auszuspülen?

Unser oft unbemerkter Bonus ist, dass wir bei der physischen Handlung im Außenraum gleichzeitig unser Innenleben bearbeiten. Was immer wir im Außen tun, hat in unserem Innern den gleichen Effekt. Innen- und Außenraum spiegeln sich. Die Qualität meiner Intention im Außen bringt einen entsprechenden Effekt in meinem Inneren mit sich. Was ich am anderen ‘bearbeite’, bewege ich auch in meinem Inneren. Was ich in meinem Inneren bearbeiten möchte, bewegt sich manchmal besser zuerst durch symbolische Handlung im Außen.

Des weiteren hinterlassen wir dem Raum ein ‘Geschenk’. Ich stülpe ihm nicht meine Idee und Kraft über, sondern gebe mich dem hin, was ist. Ich tue das, was erforderlich ist, um ‘Ordnung’ und Frieden zu schaffen. Danach lasse ich das Getane mit meinen guten Wünschen los. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, unsere Aufgabe liegt in der Unterstützung. Dabei sind wir keine neutralen Wegbegleiter. Wir setzen uns mit Überzeugung für eine sinnvolle Aktivierung neuer Möglichkeiten ein, respektieren aber deren eigenes ‘Timing’.

Wenn ich diese Gedanken auf eine therapeutische Begegnung übertrage, dann reinige ich das System des Patienten von Spannungen.

Hier möchte ich noch einmal daran erinnern, dass für mich das als integrativ vermarktete Konzept von Körper und Seele immer noch eine Dualität darstellt. In meiner Welt existiert ein individueller Mensch, der austauschbar entweder mit den Begriffen der Psyche oder der Medizin beschrieben werden kann.

Ich nehme in meiner Behandlung nichts weg, sondern löse Stagnation auf und schaffe durch meine Intention und Aufmerksamkeit Raum, damit das passieren kann, was bisher (nicht mehr?) passieren durfte. Was immer das auch sein mag. Ich respektiere Symptome als Lösungsangebote des Körpers, und meine Aufgabe ist es durch Aufmerksamkeit herauszufinden, welches ‚Problem‘ damit vielleicht verbunden ist oder war. Verstehe ich die Muster besser, dann kann ich den naturnahen Fluss von Blut und Energie erleichtern. Ich vertraue der Selbstheilungskraft des Systems. Die Kraft, die uns bis hierher in unserer Form gebracht hat weiss, was sie tut.

Ich nehme wahr, übernehme Verantwortung und werde tätig. Ein Prozess kommt in Gang und eine neue Qualität entsteht. Die Hände führen die Intention des Herzens aus und Leben lebt sich freier. 

Die Fragen, die ich mir stellen kann sind:

Kenne ich meine Werkzeuge wirklich?  Wer sind meine Hände?

Wie erledige ich meine Aufgabe? Ist es mir eine Herzensangelegenheit?

Was ist meine Haltung im Behandlungszimmer? Betreibe ich Raum-Pflege? Worin liegt für mich der Sinn meiner Handlung?

Und falls dann noch Zeit und Muße sind die ganz alte und immer noch aktuelle Frage:

Wer bin ich?

 “…was er [der Mensch] erarbeitet in seiner Seele, Wert und Bedeutung hat für das Ganze” (Steiner)