Denkhandwerk

Apr 22, 2010 | SpielRaum

Grüsse aus der Schweiz, welche Christian Kracht in seinem Roman “Faserland” als “ einen Teil Deutschlands beschreibt, nur nicht ganz so schlimm.”

Heute morgen war ich am Goethaeanum, dem Stammhaus der anthroposophischen Bewegung und las ein Zitat von Rudolf Steiner, in dem er von der sozialen Verantwortung des Denkhandwerkers sprach. Das Wort fand ich einfach sehr aussage-kräftig. Denken als Handwerk, derjenige der denkt sollte den Grundsätzen des guten Handwerks folgen. Er braucht eine angemessene Ausbildung in der Handhabung der Werkzeuge, sollte sein Material gut kennen und muss dann entsprechend seine Kunst über Jahre erlernen und verfeinern bevor er in der Denkzunft einen Platz hat. Heutzutage gebraucht zwar jeder Worte – das Grundmaterial des Denkenden – aber es mangelt oft an Methoden mit der Struktur umzugehen. In jedem anderen Handwerk ist eine Fülle von Material, z.B. Ziegelsteine, noch längst kein gefälliges und funktionales Haus. Nur weil wir reden können glauben wir, dass wir auch denken können. Weit gefehlt! Den meisten redenden Menschen, die sich zum Nulltarif (oder zu Diäten) leerquatschen sind Systeme wie Heuristik, Epistemologie und Phänomenologie nicht geläufig. Dann wüssten sie vielleicht, dass sie als Denkdilettanten lediglich Material sinnlos anhäufen.

Diese Idee des Denkhandwerkers brachte mich zurück zu einer meiner älteren Ideen, nämlich der des Gesundheitshandwerkers. Auch auf diesem Gebiet geht es darum das Arbeitsmaterial zu verstehen und die Struktur und die Regeln des Handwerks zu erlernen, die sich aus Erfahrung, Beobachtung und Tradition in einer Umgebung mit ihren entsprechenden Verhältnissen entwickelt haben. Der MedizinBetrieb hat sich in der Suche nach Techno-Vereinheitlichung weit von diesen Prinzipien entfernt und sucht nach einheitlicher (meist chemischer)Behandlung von objektiven Kategorien, ohne gross persönlich Hand anlegen zu müssen, weil es ja dann subjektiv wird. Der Unterschied entspricht im Bilde dem zwischen einer Villa in den Wiesbadener Stadtwäldern und den Hochhäusern am Berliner Ostbahnhof. Man kann natürlich in beidem wohnen und Ballungsräume haben bestimmte Bedürfnisse, aber es ist schon wichtig zu sehen, was ich im Prozess der Ratio-nalisierung verliere. Wie kann ich als Denk- oder Gesundheitshandwerker eine soziale Verantwortung wahrnehmen und etwas bewirken, das den Zweck effizient und harmonisch erfüllt?

In der Navajosprache spricht man als Gruss davon in Harmonie zu sein, “mögest Du in Schönheit wandeln”. Harmonie ist ein Muster der vernetzten Horizontalen – der Ausgleich zwischen vielen Kräften/ Ein-Flüssen und nicht nur lineare oder polare Ursache – Wirkung mit maximalem Profit. Soziale Verantwortung liegt nicht im Ausbau einer Gewinnzone, sondern darin einen sinnerfülten Lebensraum aufzubauen und zu bewahren.

Als Denkhandwerker sind meine Begriffe die Grundsubstanz dessen, was ich erschaffe, und eine Feinhörigkeit für den Inhalt eines Begriffs bringt wahre Schätze zutage.

Nehmen wir einmal “Gleich-Gewicht”. Der Ankerpunkt dieses Konzeptes ist das ‘Gewicht’. Erlebnis meiner Selbst wird also bei Gebrauch dieses Wortes sofort mit Gewicht (und Schwere) gleichgesetzt. Zwar ist es tatsächlich so, dass die Schwerkraft uns erst ein Körpergefühl ermöglicht und eine Existenz die Hand, Kopf und Fuß hat. Ohne diese Gravitationskraft wären wir weitgehend kugelförmig – so gesehen wirkt die moderen Esskultur mit resultierender Fettleibigkeit der Schwerkraft entgegen. Oder anders gesprochen, man gibt den Kampf gegen die Schwere (des Er-Lebens) auf, indem man sich selbst schwer macht und denkt man macht es sich leicht. Aber so leicht geht das nun mal nicht, weil wir in einer Kultur aufgewachsen sind, die einem sagt, man solle im Gleich-Gewicht sein. Gleiches Gewicht auf beiden Seiten der Mitte. Rechts und links, Vergangenheit, Zukunft beide verdienen gleiches Gewicht. Festgelegt auf dem Schwebebalken der horizontalen Zeitlinie zwischen Geburt und Rente und danach ist man dann aus dem Gröbsten raus.

Wie wäre es denn, wenn wir uns nicht nur darauf beschränken diese gewichtige Wirkung der Schwerkraft zu sehen, sondern wenn wir die Ursache ein weniger mehr ausleuchten. ‘Gravitas’ bedeutet ja auch gewichtig im Sinne von ernsthaft. Die Erde nimmt mich als biologisch aktives Lebewesen ernst und erwartet von mir gleiches. Gleich-gewicht bedeutet dann, dass wir der Erde dengleichen Respekt entgegenbringen, den wir von ihr erfahren. Wir fahren in unseren Autos daher und essen aus unserem Kühlschrank und die Existenz der Erde ist irgendwo im Hintergrund. Tatsache ist, dass ohne die Erde gar nichts geht. Wo finde ich denn sonst morgens meine Pantoffeln wenn ich verschlafen aus dem Bett rolle?

Die Gravitationskraft, die Erdbeziehung unserer Körpermasse zu einer wesentlich grösseren Masse, gibt uns einen Bezugspunkt für Aufrichtung und damit das Potenzial für Leichtigkeit. Wenn wir eine gute Lotlinie durch den Körper etablieren, dann ist das Resultat eine Schwerelosigkeit oder Leichtigkeit, weil nichts mehr statisch nach unten zieht und uns die Erde damit nicht mehr das Leben schwer macht. Das horizontale Spiel auf der Zeitachse und in der Polarität von männlich / weiblich, aktiv / passiv wird mehr zu einer vertikalen Wahrnehmung, in der ich dann mein eigener Baum in dem Wald bin, in dem ich stehe. In dieser Leichtigkeit sind wir im Gleichgewicht mit der Erde. Sobald wir hingegen unser Gewicht fühlen sind wir im engeren Sinne des Wortes eigentlich aus dem Gleichgewicht. Solch ein Paradox erfreut dann den wahren Gedankenhandwerker, weiss er doch, dass er einer Wahrheit auf der Spur ist.

Und die Moral von der Geschicht’, gib’ nicht zuviel Bedeutung dem Gewicht.  Wenn etwas sich schwer anfühlt, ist das nicht unbeding ein Zeichen von Bedeutung und Wichtigkeit, sondern oft ein Zeichen von mangelnder Beziehung zur Leichtigkeit des Seins. Die Sachzwänge die wir so erleben sind real. Wir sind Spieler im Wirtschaftsspiel und unterliegen dessen verworrenen und scheinbar willkürlichen Regeln. ABER das heisst noch lange nicht, dass wir wirklich diese Schwere sind – als Menschen sind wir etwas grundlegend anderes und je mehr wir damit in Berührung bleiben können, desto mehr Frieden und Kraft finden wir in unserem Alltag.

Dann wünsche ich Euch ein schönes Werkeln mit neuen Gedanken oder  eine gute Renovierung vertrauter alter Denkprojekte.