Olympia

Mrz 4, 2010 | LebensRaum

Ich grüsse Euch heute aus dem immer noch winterlichen Santa Fe. ‘Zum Glück ‘ haben wir ja jetzt hier wieder die Sommerzeit. Mal schauen, ob sich dieses Mal die Natur nach unseren Begriffen richtet oder immer noch nicht. 

Durch Zufall hatte ich erfahren, dass es in diesem Jahr wieder einmal Olympische Winterspiele in Vancouver gab. Angefangen mit der $ 40 Millionen teuren Eröffnungsfeier ist mir dabei insgesamt aufgefallen, wie sehr wir unsere Energie / Absicht/ Geld auf Hochleistungs- (Sport) konzentrieren. Bei manchen Wettbewerben sind die ersten Plätze nur um Hundertstel von Sekunden auseinander und das bei Aktivitäten die der Durchschnittsmensch fast nie bewältigen würde.

Die Frage, die sich mir da stellt ist, ob das wirklich noch der Geist der Olympischen Spiele in seiner ursprünglichen Form ist, der ja doch erklärt, dass sich Gleichgesinnte aus vielen Ländern im friedlichen, freundlichen Wettbewerb begegnen.

Ein ähnlich verzerrtes Bild vom freien Wettbewerb, in dem jeder eine Chance hat, besteht bei der Präsidentenwahl in den USA. Jeder kann zwar Präsident werden, aber die aktuellen Wahlkampfkosten der Kandidaten waren beim letzten Mal über 60 Millionen US Dollar. Selbst mit einer Platinum VISA Karte bleiben da nicht viele Kandidaten übrig.

Der gemeinsame Nenner dieser beiden Ereignisse ist, dass die Welt voller Durchschnittsmenschen ist, die alle denken, dass sie die Chance haben zu dem 0.1 % (oder weniger) der Elite zu gehören, wenn sie sich nur entsprechend anstrengen. Die Tatsache ist, dass nun einmal der Durchschnitt den grössten Teil einer Menge ausmacht. Aber was wir vergessen haben ist, dass der Duchschnitt nicht mittelmässig sein muss. Je mehr ich den Durchschnitt kultiviere, desto besser geht es vielen! Dadurch dass wir uns exklusiv auf Höchstleistungen konzentrieren, welche immer extremer vom Durchschnitt wegstreben, sehen wir die Mitte nicht mehr als erstrebens- und erlebenswert an, und sie sinkt in vernachlässigte Vergessenheit.

In der Medizin ist es ja so ähnlich. Wunderleistungen im Transplantations- oder Neurochirurgiebereich für wenige, aber die Statistiken der weit mehr verbreiteten Krebserkrankung verändern sich unmerklich. 9 von 1000 Frauen sterben in den nächsten 10 Jahren an Brustkrebs ( 4 % der Todesursachen von Frauen). Durch jährliche Mammographie wären es innerhalb des 10 Jahresintervalls 3 Frauen weniger, deren durchschnittliche Lebenserwartung aber auch nur um vielleicht drei Monate länger als zehn Jahre ist. Gleichzeitig werden in diesen zehn Jahren 10.000 Röntgenaufnahmen gemacht, die  zu 600 + negativen Biopsien Anlass geben, welche selbst wiederum ein bis zwei Todesopfer und Nebenwirkungen als Folge haben. Plus der psychologische Stress in der Zeit vom Mammografieresultat bis zum Biopsieresultat ist nicht zu unterschätzen. Dienen wir hier wirklich der Volksgesundheit oder suchen wir nach einer Höchstleistung die ‘Sieg über den Krebs’ heisst, während die gelebte Realität des Bürgers uns entschlüpft?

Mittlerweile sterben jährlich weltweit Millionen von Menschen an den Folgen von verseuchtem Trinkwasserkonsum und cancerogene Substancen werden täglich tonnenweise produziert und freigesetzt, aber man ist mit fast unbegrenzten Mittel der ‘Heilung’ durch Früherkennung auf der Spur. Die wirklich frühe Erkennung bestände darin, sich einfach einmal gründlich die Welt anzuschauen, in der wir leben und sterben.

Es war dann an einem Sonntagnachmittag beim Anschauen der Skispringer, die da 130 m durch die Luft glitten, als mir die Frage kam, wie es denn wohl wäre, wenn wir eine Olympiade der Durchschnittlichen ansetzen würden. Menschen, die nicht schon im Kindergarten auf Hochleisstungssport getrimmt wurden. Menschen, die aus Spass dabei sind und sich mit anderen aus Freude an Aktivität messen wollen. Wenn wir die Teilnehmer aus der Mitte wählen und die extremen 5 % der Über-Leistungen als unerwünscht sehen. Dann wären doch wieder viel mehr das Talent und die Eigeneleistung ein Faktor als Technik (und Glück und Verbissenheit).

Medizinisch hiesse das wieder den Arzt zu fördern, der seine Diagnose von Beobachtung und Zuhören stellen kann und nicht nur dem Kernspin und den kleingedruckten Laborberichten ergeben ist. Begabtenförderung ist durchaus angemessen, aber auch in der Erziehung wäre die erneute Betonung und Wertschätzung eines guten Durchschnitts eine Erleichterung. Wir wollen immer das Beste, übersehen aber dabei, dass das Beste eine Sonderform ist und es uns allen wesentlich besser ginge, wenn wir etwas GUTES aufbauen und bewirken können und das Beste den wenigen überlassen können, die einfach nicht anders können. 

Dieser “Krieg des Talents” war hier in den USA die Grundlage zur Wirtschaftskrise. Immer wurden in den neunziger Jahren die auf dem Papier Besten angestellt und Manager mit Jahrzehnten von Erfahrung wurden brutal abgedrängt. Das alles führte zu der überhitzten adhoc Profitgierwirtschaft, deren Auswirkungen wir jetzt fühlen. “Talent” wurde selbst für Fehlentscheidungen mit Hunderten von Millionen belohnt und der Durchschnittsbürger verlor seine Rente.

Ihr fragt Euch vielleicht, wie das mit unserer Ausbildung und Arbeit zusammenhängt. Mir fällt auf, dass sich viele (jüngere) Therapeuten damit herumschlagen nicht ‘gut genug’ zu sein und dass nach vielen Jahren der Berufserfahrung eine Resignation einsetzt. Man weiss, dass man es nicht alles machen kann und man beschränkt sich auf seine Routinen, weil man als HAND-langer nur auf einem grauen Mond lebt, der um den hellen Planeten der Chemo-TechnoBehandlung kreist. Wir sehen uns selbst oft als zu “durchschnittlich” und nicht “fort-geschritten” genug. Wenn wir die Tatsache, dass wir nicht ‘fort-‘schreiten müssen, sondern ‘da-sein’ sollen/ können/ dürfen, als Auszeichnung und Verantwortung sehen können, anstatt als Mangel, dann geht es uns und der Gesellschaft gleich besser.

Wir haben eine gute Ausbildung und Berufserfahrung und be-fassen uns mit den Menschen unserer Gesellschaft, die an funktionalen Erkrankungen leiden. Das sind grob geschätzt 80% (oder mehr) aller Leiden und nur wenige kommen in den vollen Genuss einer Symptomenbeseitigung durch die Hochleistungsmedizin. Jeder von uns in seinem Bereich macht das Durchschnittsleben für die Umgebung angenehmer, weil wir uns noch direkt dem Menschen, der uns gegenüber sitzt widmen (können). Wenn wir zu schätzen wissen, was für einen wertvollen Dienst wir unseren Patienten dadurch erweisen, dass wir sind wer wir sind und dass wir das tun was wir tun, dann verstehen wir auch, warum es vielleicht schön wäre, wenn bei der nächsten Olympiade der Letzte die Goldmedaille bekommt – weil er nämlich noch am ehesten am Normalsterblichen dran ist !