Licht

Mrz 29, 2007 | SpielRaum

Licht ist nicht laut

Ich bin ein gefragter Architekt und Songwriter. Sie werden sich fragen, ob das heißt, dass ich in großen fast leeren Räumen, die ich entworfen habe Lieder singe, die ich geschrieben habe. Die Antwort lautet nein. Ich habe einfach das seltene Vorrecht, dass meine taube Muse mich ein Leben lang davor bewahrt hat  mir selbst in dem Geschwätz einer Scheinwelt ohne Erfahrung   abhanden zu kommen.

Vor fünf Jahren fiel mein erfolgversprechendes Leben in einem einzigen Moment in sich zusammen. Ich sah meine zwei Jahre ältere Schwester wieder. Andrea ist eine schöne Frau, Sarkozy hätte ihr sicher ein Jawort entlocken wollen, aber wir stammen aus dem Badischen, von der anderen Seite der Grenze. Ich hatte damals ein Jahr als promovierter Jung-Architekt in den Emiraten verbracht. Die Aufgabe war es die Wüste in eine attraktive Luxusstätte ohnegleichen zu verwandeln. Geld wie Sand am Meer sollte uns hinters Licht führen und das Gesetz des Wachstums von Kultur über Zeit aushebeln. Durch mein Aufwachsen in einem meist stummen Raum hatte mich das Spiel von Licht und Linien geprägt. Einen Meteor konnte man nie hören, er war sich bewegende Helligkeit. Die Gelegenheit Licht mit reichhaltigen Mitteln in Form umzusetzen reizte mich enorm. Die Stille und Weite des Landes versprachen eine Spiegelung innerer Freiheit. Nach einem Jahr war mir klar, dass in einem zweistimmigen Monolog die Stille für eine echte Beziehung nicht vorhanden war. Ich nannte es das Ochsenfroschphänomen: ein grosses Aufblähen und lautes Quaken und die Nacht bleibt unerforscht, lau und dunkel. Ich fühlte mich wie in einer mit Goldstaub beschichteten Dunstglocke, die mich von mir selbst trennte.

An diesem Samstag im März 2007 landete die Emiratsmaschine in Frankfurt. Ich war noch benommen von meinem Entschluss nach Freiburg zurückzukehren. Beruflich war es Selbstmord. Der Oscarkandidat bezeichnet Hollywood als Provinzstadt und schleicht von der Bühne. Was blieb mir jetzt noch?

Das bringt mich zu meiner dritten Liebe – die zweite ist das Entwerfen von leisen Räumen – und zu der ersten kommen wir später. Meine dritte Liebe ist Songwriting. Ich bin mit Leonard Cohen und Bob Dylan aufgewachsen, bin Suzanne zum Fluss gefolgt und habe an die Tür des Himmels geklopft. Das Sprachlose im Wortklang einfangen, damit die Welt in der Welt zu einem spricht, genauso wie ich in den Linien eines Gebäudes die Ruhe des Lichts bündeln kann. Wie bringe ich die Musik der Stille zu den Hörenden, die vom Getöse ihrer Innenwelt überflutet sind? ‘Dein Leuchten strahlt sanft, ob du es hörst oder nicht – der unruhige Schatten weicht über ihre Schulter zurück – wenn sie sich schweigend an dich lehnt ins Licht’.

Ich kam in Frankfurt an, war durch den Zoll gegangen und da stand sie – Andrea! Nach dem Jahr der unsichtbaren Frauen ließ ihr dunkles schulterlanges Haar Hitze in meiner Brust aufsteigen. Wie ich eine solche Schönheit seit meinem Studium hatte vergessen können, war mir ein Rätsel. Heute verstehe ich, dass ein Zuviel an Sinnesreizen Sinnlichkeit abstumpft. Deswegen bin ich jetzt Minimalist geworden. Ich benutze das Minimum an Material, an Aufwand, an Einrichtung um den Eindruck der lichten Stille zu verdichten.

Andrea belastete den Warteraum nicht, sie war nur da in der ihr natürlichen Distanz zur Umgebung. Im Wirbelsturm der Menge wirkte sie wie ein gleichförmig warmer Mistral. Meine Schwester, die Beschützerin meiner Stille in der Kindheit. Sie war mir immer näher als meine Eltern gewesen. Ich hatte die Gebärdensprache gelernt, bevor ich lesen konnte. Es war unhörbar, wenn wir spielten. Handzeichen, Blicke, Gesten waren unsere vertraute Welt. Meine Erinnerungen an die Geborgenheit in ihrer Ruhe wurden an der Uni von den Reizen meiner Kommilitoninnen überflutetet. Es war Zeit für Rock’n Roll, bis lärmende Langeweile und kreischendes Drama mich beinahe ins Koma trieben. Während meiner Dissertation wurde mir klar, dass ich leise Frauen mochte. Ich brauchte keine Frau, um mich als Teil eines Paares zu fühlen. Ich brauchte eine Frau, die mich in mir finden konnte, ohne dass die Lippen ununterbrochen Laute formten, mit denen wir unsere Gemeinsamkeit herzustellen versuchten.

Ich stand vor Andrea. Ihr Blick liess mich vergessen, dass ich je etwas gedacht hatte. Kein ‘Wie geht es Dir, Georg?’, nur ein stummes Annähern. Mein Körper kam wieder in die Wohnung der Seele. Ich nahm sie unhörbar und unwiderruflich in meine Arme und fand die feine Spur meiner Selbst in ihr wieder. Sie war meine erste Liebe.